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An(ge)dacht

 

Mache dich auf, werde licht; denn dein Licht kommt,
und die Herrlichkeit des HERRN geht auf über dir!
Jesaja 60,1

Liebe Gemeindebriefleser,
Unüberhörbar stimmt dieser Monatsspruch für Dezember ein auf den Advent. Er ruft bei mir sofort das Gleichnis der zehn Jungfrauen in Erinnerung. Dieses Jesajawort beeindruckt mich jedes Mal wieder, wenn ich es auf mich wirken lasse. Es hat etwas Geheimnisvolles und eine ungeheure Strahlkraft.
Zwei Bewegungen aufeinander zu beschreibt dieses Bibelwort, und zudem verbindet das Stichwort Licht die beiden Bewegungen. Wir werden aufgefordert, uns in Bewegung zu setzen, uns aufzumachen, weil – oder eigentlich müsste ich eher sagen – obwohl die andere Seite uns entgegen kommt. Die wichtige Frage bei Besuchsvereinbarungen, wer nämlich zu wem kommt, bleibt hier offen. Es bleibt ungeklärt, wo genau die beiden Besucher (-gruppen) einander treffen. Beide machen sich auf mit dem Ziel, einander zu begegnen. Ist das nicht genau die Erfahrung, die wir uns wünschen und die wir auch machen, wenn wir uns zum Gottesdienst aufmachen? Zum (gemeinsamen) Gebet aufbrechen? … Dass dort, wo wir uns aufmachen, um Gott zu begegnen, wir spüren: Er hat sich längst schon aufgemacht, um uns zu treffen? Die Erfahrung, dass er schon da ist, wenn wir ankommen? Advent heißt ja Ankunft. Zunächst ist freilich an die (erste und noch ausstehend zweite) Ankunft Jesu auf unserem Planeten gedacht. Aber ebenso doch auch an die Ankunft Jesu in unseren Herzen. Und sicherlich auch an unser Ankommen in der Gegenwart dieses Jesus, unser Aufeinandertreffen. Das kann im armseligsten Stall geschehen. Es geschieht immer dort, wo wir der Einladung Folge leisten und uns aufmachen. Manchmal ist ein äußerliches Aufmachen (z.B. krankheitsbedingt) gar nicht möglich. Dann aber auch nicht nötig. Unser Aufmachen beginnt im Herzen. In dem wir uns einen Ruck geben und unser Herz aufmachen für ihn. „Mache dich auf, werde licht …“. Während das Aufmachen grammatisch im Aktiv steht, geschieht das Lichtwerden passiv. Dass es beim Aufmachen und spätestens bei der Begegnung hell wird, können und müssen wir nicht machen. Es wird ganz einfach hell, weil der, der kommt, Licht ist. „Dein Licht kommt.“ Schon wenn ich die Türe oder den Fensterladen öffne, scheint das Licht herein. Wenn ich dann noch hinaustrete vor die Tür, werde ich persönlich beschienen. Erhellt und erwärmt. Ein schönes Bild für Advent.
Mit dieser Andacht für den Gemeindebrief verabschiede ich mich bereits aus einer meiner Aufgaben. Am 3. Advent werde ich ganz aus der Gemeindearbeit in Freiberg verabschiedet. Wenn nun dieser Monatsspruch der Letzte sein wird, den ich für den Freiberger Gemeindebrief auslege, dann freue ich mich, dass es eben dieser ist.
Denn das ist mein Wunsch für Euch, meine lieben Geschwister:
Dass Ihr Euch – gerade auch in der pastorenlosen Zeit – nicht zurück zieht und Euch nicht zu sehr mit Euch selbst beschäftigt. Macht nicht die Jalousien herunter und verbarrikadiert Euch nicht. Macht Euch auf. Geht nach draußen, stellt Euch dieser Welt. Genau auf diesem Weg werdet Ihr Jesus begegnen. Denn er kommt. Das ist dann auch die andere Seite der Zusage: Ihr seid nicht allein. Gott kommt. Er ist unterwegs zu Euch. Ihr werdet Ihm begegnen, wann immer Ihr Euch und Euer Herz aufmacht. Das „Wo“ und „Wie“ lässt sich nicht festlegen, da ist ganz viel Spiel- und Entdeckungsraum. Genau genommen ist der Ort der Begegnung ein Weg. Der Weg aufeinander zu. Wiedermal ist also der Weg das Ziel.
Dass Gott Euch zugewandt ist, Euren Weg erhellt und zu seinem Weg macht, davon bin ich überzeugt. Und wo wir im Licht stehen und licht werden, sind wir auch Licht. Licht der Welt.
So segne und erhelle unser Herr unseren und zugleich seinen Adventsweg.

In herzlicher Verbundenheit
Euer Michael Schubach